GRUSSWORT

"Die Menschen glauben den Augen mehr als den Ohren.

Lehren sind ein langweiliger Weg, Vorbilder ein kurzer,

der schnell zum Ziel führt." Seneca

Junge Menschen möchten etwas aus ihrem Leben machen und wissen, wie wichtig dabei Fleiß und Mut sind. Doch das Geheimnis zum persönlichen Erfolg liegt nicht nur bei ihnen selbst. Schon der römische Philosoph Seneca wusste, wie inspirierend gute Vorbilder sein können.

Wie ist das heute? Kann es in einer Gesellschaft, die Instagram-Persönlichkeiten zu Idolen macht, noch Vorbilder geben? Die neuen Medien zeigen, die Zukunft gehört den Hemmungslosen. 

Manche Menschen zählen die eigenen Eltern zu ihren größten Vorbildern und reihen sich somit weniger in die Popkultur ein, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in unserer Gesellschaft vorherrschend ist. Tendenziell scheinen aktuelle Idole jedoch vorwiegend durch die Industrie geformt und ihrer Vorbildfunktion beraubt zu sein. Müssen Vorbilder heute, im digitalisierten App-Alltag, überhaupt vorbildlich sein? Wie wäre es, wenn es einmal um Idole mit Schwächen ginge und um das Scheitern im Allgemeinen? Diese Idole könnten uns ihr wahres Gesicht zeigen, ihren Weg, der oft vielfältiger ist, als wir annehmen und uns so Mut machen, unseren eigenen Weg zu gehen.

 

Das neue Festivalprogramm greift die Frage nach dem Weg einer Leitfigur auf. Bedeutende Komponisten aller Musikepochen sind hier vertreten. Sie alle hatten eigene Vorbilder und nicht nur das: sie selbst sind uns heute Vorbild. Das Talent ist dabei weniger entscheidend, vielmehr ihr persönlicher Weg, den Sie unbeirrt gingen. So präsentieren wir Ihnen

in diesem Festivaljahr erstmals Werke des Italieners Luciano Berio, der zu den wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts zählt und bereits in den 1950er Jahren als Pionier der elektronischen Musik in Erscheinung getreten war. Er sowie auch der vielfach ausgezeichnete 

französische Komponist Pierre Boulez, dessen Werke in einem Klavierrecital mit dem israelisch-palästinensischen Pianisten Saleem Ashkar zu hören sein werden, hatten Igor Strawinsky zu ihrem Vorbild, ihrer ästhetischen Leitfigur auserkoren. Dieser hatte das Schaffen beider Komponisten nämlich stärker beeinflusst als allgemein bekannt ist. Berio wurde zum Klangsammler, er interessierte sich für Folkloretraditionen, aber auch für Jazz, Alltagsgeräusche und Gustav Mahlers multistilistische Musik. Einflüsse des Modern Jazz und die traditionelle Musik seiner orientalischen Kultur inspirieren auch den Jazzpianisten und Komponisten Omer Klein.

Er zählt zu den versiertesten und neugierigsten Jazzmusikern unserer Zeit, der zusammen mit dem international gefeierten Mandolinisten Avi Avital sowohl stilistisch als auch technisch keine Repertoire-Beschränkungen kennt. Avital spielt gerne Violinrepertoire auf der Mandoline.

"Ich mache alles, was ich mag. Ich arrangiere alles, was mir gefällt", so Avital. "Bachs Musik finde ich großartig - und sie klingt immer nach Bach, egal auf welchem Instrument."

Da es dieses Jahr um Vorbilder geht möchte ich meine erste Begegnung mit dem Weißenhorner

Star, dem Zeichner und Freskanten Franz Martin Kuen, dessen 300. Geburtstag wir in 2019 feiern, nicht unerwähnt lassen. Ich erinnere mich noch gut, wie mir Museumsleiter Matthias Kunze das Buch mit den Zeichnungen des Franz Martin Kuen aus dem Museum Weißenhorn, das den Titel "Vorbild Tiepolo" trägt, mit den Worten überreichte: "Das könnte Dich vielleicht interessieren."

Auch Franz Martin Kuen ging seinen eigenen Weg, und wie sich herausstellte so eindrucksvoll,

dass auch wir dem Jubilar in dieser Festivalsaison zwei Konzerte widmen möchten, nämlich das Eröffnungs- und das Abschlusskonzert. Beide Konzerte zeigen Werke von Freimaurern und Komponisten nach italienischem Vorbild.

Mit dem Pleyel Quartett Köln, den Experten auf dem Gebiet der frühen Kammermusik, greifen wir historisches "Material" rund um das schmucke Fuggerschloss, den Hauptveranstaltungsort von Weissenhorn Klassik, auf. Das historische Stadttheater soll einen weiteren festlichen Rahmen bilden wenn ein ganz außergewöhnlicher Künstler, der Violinvirtuose und Countertenor Dmitry Sinkovsky, mit der Cembalistin Olga Watts bei Weissenhorn Klassik zu Gast sein wird. Sein besonderes Talent, im Konzert von Violine zum Gesang zu wechseln, sucht seinesgleichen. Wo auch immer Dmitry Sinkovsky spielt und auftritt, er versucht, seine Familie stets mitzunehmen: die musikalische Früherziehung par excellence! Im Gegensatz dazu eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung, aus der hervorgeht, dass schon Achtjährige beklagen, es gäbe in ihrer Familie niemanden, der sich um sie kümmert. Auch mit Blick auf Vertrauenspersonen in der Schule hat ungefähr die Hälfte der älteren Schüler nicht den Eindruck, dass sich ihre Lehrer um sie kümmern oder ihnen bei Problemen helfen. Es bleibt die Frage, wie sich unsere Gesellschaft mehr für Kinder und Jugendliche einsetzen kann.

Ich schlage vor: beginnen wir doch mit der Musik! Familienkonzerte, Schülerkonzerte, Workshops und eine neue Klanggalerie öffnen nebst den Hauptkonzerten wieder ihre Pforten.

 

Willkommen bei Weissenhorn Klassik 2019!

Ihre Esther Kretzinger

Intendantin von Weissenhorn Klassik